“Freiheit unterscheidet sich von Willkür dadurch, dass sie auf den lebensspendenden Kräften der Menschheit beruht, auf der Gottesmenschlichkeit, wie Dostojewksi sagt, und nicht der Menschengöttlichkeit. […] Der areligiöse Humanismus des 19. Jahrhunderts stellte den Menschen in den Mitttelpunkt, seine Willensfreiheit, sein Glück, seine Wünsche, seine individuelle Entwicklung. Dadurch musste die Willkür mit ihren ewigen Konstituenten “ich will” und “ich kann” angestachelt werden. Willkür hat zwei extreme Erscheinungsformen: den Willen zur Macht – ich weiß, was die Menschen glücklich macht, wie man handeln muss, was zu tun ist – und den Selbstmord – wozu soll ich leben, wenn mich die Dinge nicht befriedigen, wenn mein “ich will” von dem abweicht, was “ich kann”? Auf ererbte Ideen verzichtet die Willkür, sie entwickelt auf eigene Faust neue, um damit ganz unterschiedliche Zwecke zu verfolgen – Macht, Glück, Reichtum oder andere, beliebig gesetzte Zwecke. Wenn alles dem Menschen dient, ohne die ewigen Gesetze zu berücksichtigen, muss das zur Entfaltung der Willkür im privaten wie im gesellschaftlichen Leben führen.”
“Freiheit ist die Möglichkeit der Wahl, genauer, der Auswahl von Ideen. Sie gründet sich auf ein sittliches Prinzip, das uns vor hypnotischen Kräften und temporären, falschen Ideen schützt. Frei ist man nicht vom höchsten Lebensprinzip, sondern von der hypnotischen Macht der sozialen Welt.”
Aus Nadeschda Mandelstams
“Erinnerungen an Anna Achmatowa”
Suhrkamp Verlag Berlin, 1. Auflage 2011; S. 89ff.